Je reifer wir werden, desto tiefer blicken wir in uns hinein. Das Schaffen von Mieczysław Karłowicz zeigt diesen Weg ganz deutlich – von einer Musik, die noch auf Form und Klangschönheit ausgerichtet ist, hin zu einer Musik, die zur Aufzeichnung innerer Erlebnisse, Emotionen und Fragen wird. Die Gegenüberstellung der Serenade für Streicher und der Ewigen Lieder lässt diesen Wandel besonders deutlich hörbar werden.
Die Serenade für Streichorchester op. 2, entstanden 1897, gehört zu Jugendwerken von Karłowicz. Es ist eine elegante, klare Musik, die auf einer vierteiligen Form und deutlichen tänzerischen Elementen basiert. Der Marsch, die lyrische Romance, der anmutige Walzer und das lebhafte Finale begeistern durch ihre Leichtigkeit und Natürlichkeit. In dieser Musik zeigt der Komponist seine Sensibilität für Klang und Form, bleibt aber noch nah an der Außenwelt, der Welt des Stils und der Geste.
In den Ewigen Liedern op. 10 ändert sich diese Perspektive grundlegend. Die drei Sätze, Lied von der ewigen Sehnsucht, Lied von Liebe und Tod und Lied vom Allsein, führen tief in Erfahrungen hinein, die in der gesamten Schaffenswelt von Karłowicz immer wieder auftauchen: Sehnsucht, Liebe, die Suche nach Trost und Sinn. Der Komponist zeigt Emotionen und Gemütszustände, die sich im Inneren des Menschen abspielen. Die reichhaltige, farbenfrohe Orchestrierung wird zum Mittel, um das auszudrücken, was sich nur schwer in Worte fassen lässt.
Die Uraufführung der Ewigen Lieder am 22. Januar 1909 bescherte Karłowicz großen Erfolg und bestätigte erstmals so deutlich seine Stellung als einer der bedeutendsten Komponisten seiner Generation. Es war ein Moment voller Anerkennung und künstlerischer Erfüllung, der die weitere Entwicklung seines Schaffens ankündigte. Nur zwei Wochen später, am 8. Februar 1909, kam der zweiunddreißigjährige Komponist in der Tatra durch eine Lawine ums Leben.
Der Vergleich dieser beiden Werke zeigt also nicht nur die stilistische Entwicklung, sondern vor allem den Weg des Menschen – von dem, was noch äußerlich und von der Form geprägt ist, hin zu dem, was am tiefsten und persönlichsten ist.
Zum Auftakt erwartet Sie jedoch ein ganz besonderes musikalisches Erlebnis: eine Geschichte, die wohl fast jeder kennt. Ratten haben Hameln überrannt, und die verzweifelten Bewohner wenden sich an einen geheimnisvollen Spielmann. Mit seiner Musik führt er die Plage aus der Stadt, doch als es an die Bezahlung geht, halten die Bürger ihr Versprechen nicht. Der Rattenfänger kehrt daraufhin zurück – diesmal folgen seiner Melodie jedoch nicht die Ratten, sondern die Kinder. Heinrich Urban griff diese düstere Legende in Der Rattenfänger von Hameln op. 25 auf. Nicht ohne Grund eröffnet dieses Werk das Konzert zu Ehren Karłowiczs. Urban war während dessen Berliner Studien sein Kompositionslehrer, und Der Rattenfänger zeigt ihn als einen Komponisten, der von musikalischer Erzählkunst fasziniert war – von der Möglichkeit, Geschichten allein mit den Mitteln eines Orchesters zu erzählen. Bevor also zwei Werke des Schülers erklingen, begegnen wir seinem Lehrer und einer der musikalischen Welten, aus denen der spätere Sinfoniker Karłowicz hervorgegangen ist.
Hören Sie ausgewählte Ausschnitte aus dem Konzertprogramm:
DETAILS
KARŁOWICZ FEST | Ewige Lieder
15-12-2026 19:00

SinfoniesaalFilharmonia im. Mieczysława Karłowicza w Szczecinie
ul. Małopolska 48
70-515 Szczecin